Auf zur WM! - Teil 2

31. Mai, 9 Uhr
Raus aus dem Bett! Rein in die Dusche! Heute wird Fussball geguckt!

31. Mai, 10 Uhr
Mal gucken, was ich alles zum Spiel mitnehmen muss. Vorher wollen wir uns naemlich mit einer Kusine von Saeyun treffen, dann noch einkaufen, denn Saeyun will unbedingt beim Eroeffnungsspiel ein Trikot der suedkoreanischen Mannschaft tragen.

31. Mai, 13.30 Uhr
Nette Kusine, gut gegessen - in einem kleinen Lokal, koreanisch, Reisnudelsuppe, und natuerlich kimchi, gegorener, eingelegter Weisskohl. Klingt, wenn beschrieben, nicht wirklich gut, ist aber sehr lecker. Jetzt geht's einkaufen.

31. Mai, 14.00 Uhr
Wir sind in Itaewon, einer Einkaufsstrasse, die hauptsaechlich wohl Touristenramsch verkauft, aber auch Lederwaren und Kleider sind im Angebot. Alle 15 Meter ist ein "OFFICIAL FIFA WORLD CUP KOREA-JAPAN STORE".

31. Mai, 14.25 Uhr
Das ist schon der vierte Laden, in dem Saeyun sich Trikots anschaut. Sie will die alten Trikots - als sie noch rot waren, dieses Jahr sind sie naemlich leider Pink, und das ist bei Fussballtrikots ziemlich unangenehm. Aber wir kommen an einem Kiosk vorbei, wo gerade gross Werbung gemacht wird fuer Bek se ju, einen koreanischen Kraeuterwein. Ich kriege eine Papptasse in die Hand gedrueckt und - wer sagt schon nein, wenn man kostenlos Alkohol bekommt? - trinke natuerlich. Schmeckt nicht uebel, und weil ich auf Nachfrage dem Weinmensch erklaere, dass ich den Wein gut finde, kriege ich eine kleine Flasche gratis.

31. Mai, 14.40 Uhr
Beim sechsten Laden stellt Saeyun fest, dass sie nicht wirklich davon ueberzeugt ist, dass Trikots ueberhaupt gut aussehen. Ich trage gerade mein St. Pauli Trikot, muss also doch nachfragen, was sie denn damit meint, dass Trikots vielleicht gar nicht gut aussehen. Aha, stellt sich heraus, Trikots sehen "sporty" aus, und sie ist sich nicht sicher, ob sie diesen Look mag. Gut, kann ich verstehen. Aber nun frage ich mich, wenn sie diesen Look nicht mag, warum wir seit einer Stunde uns ein Trikot nach dem anderen angucken.

31. Mai, 14.50 Uhr
Die Frage bleibt unbeantwortet. Wir gucken weiter Trikots. Jetzt suchen wir eins mit langen Aermeln. Irgendwo hatten wir gestern so eins gesehen. Irgendwo.

31. Mai, 15.15 Uhr
Gefunden! Und nach langem Gruebeln und Hin und Her, auch gekauft. Jetzt geht's los!

31. Mai, 15.30 Uhr
Oder doch nicht. Saeyun hat sich's doch anders ueberlegt, bringt das Trikot zurueck. Kauft sich statt dessen eine koreanische Fahne, die sie sich ueber den Rucksack haengt.

31. Mai, 15.35 Uhr
Auf dem Weg zur U-Bahn laufen wir direkt in eine Masse von Missionaren. Die wollen wissen, ob wir Christus gefunden haben und reichen uns eines ihrer Papierchen, auf dem Bibelsprueche gedruckt sind. Praktischerweise - nicht dumm, diese Missionare - ist auf der anderen Seite des Papierchens der gesamte WM-Spielplan gedruckt. Also behalte ich das Papierchen. Muss man ja alles wissen. Ausserdem behauptet selbiges Papierchen, dass - laut Matthias 23:39 - Jesus nach Korea gekommen ist, wo die WM 2002 statt findet. Moeglicherweise birgt das Eroeffnungszeremoniell grosse Ueberraschungen? Na ja, immerhin, der Gedanke, dass Jesus Fussballfan ist und womoeglich seine naechste irdische Erscheinung nach WM-Terminen geplant hat, ist mir schon ganz sympathisch.

31. Mai, 15.40 Uhr
Jetzt aber! Ab in die U-Bahn, einmal umsteigen, und dann sind wir bald da!

31. Mai, 16 Uhr
WIR SIND DA! Und wow, das Stadion sieht klasse aus. Vor allem von der U-Bahn Station aus sieht das Stadion riesig aus. Echt super - das haben sie wirklich gut hingekriegt, die Koreaner.

Das Stadium, von der U-Bahn Station aus gesehen. Sieht natuerlich auf dem Foto nicht ganz so gut aus wie vor Ort...

31. Mai, 16.08 Uhr
Unergruendlicherweise sind die breiten Treppen, die aus der U-Bahn Station nach oben zum Stadion fuehren, abgesperrt, also muessen wir uns alle auf die Rolltreppe quetschen. Na ja, was soll's. Foerdert das Gefuehl der Zusammengehoerigkeit. Oder so aehnlich.

31. Mai, 16.15 Uhr
Sieht so aus, als sind fast so viele Polizisten wie Fans anwesend. Ich vermute, dass die Sicherheitsmassnahmen, um ins Stadion reinzukommen, ziemlich streng sind. Wir werden also wahrscheinlich laenger anstehen muessen. Na ja, mal sehen. Erst mal wollen wir den World Cup Park finden, soll eine ganz neue und wunderschoene Gruenanlage sein.

31. Mai, 16.27 Uhr
Keiner weiss so genau, wo sich dieser sagenhafte Park befindet. Ein Polizist meint, vielleicht ist der Park auf der anderen Seite des Stadions. Ja, bestimmt. Also laufen wir los. Wir haben ja noch 3 Stunden bis zur Zeremonie, 4 Stunden bis zum Anpfiff.

31. Mai, 16.45 Uhr
Der Park scheint etwas weiter entfernt zu sein, und wir haben kein Bock darauf, noch laenger zu laufen, vor allem mit einem Ziel in ungewisser Entfernung. Wir setzen uns hin, essen Bananen und Kekse und trinken etwas Wasser. Ich trinke meine kleine Flasche koreanischen Wein, da weder Glas noch Alkohol ins Stadion eingefuehrt werden duerfen.

31. Mai, 17.10 Uhr
Wir entscheiden uns, wieder vors Stadion zu gehen, und dort ein bisschen rum zu laufen. Ueberall sind Fans, und ueberall sind auch Missionare. Anscheinend gibt es ein "World Cup Missionary Committee", und wohl auch noch andere Organisationen, die sich um die Seelen der Fussballfans Sorge machen. Sie sind aber auch die einzigen. Die Fussballfans - inklusive Saeyun und ich - finden es weit interessanter, den anderen Fussballfans zu zu gucken.

Missionare, hinter Fans versteckt.

31. Mai, 17.15 Uhr
Ein Japaner in einem Senegal-Trikot und einer senegalesischen Fahne (auf der in japanischer Schrift "SENEGAL" gedruckt ist) trifft auf eine Gruppe Senegalesen; das ist ein Jubel, als ob sich alte Freunde wieder gefunden haetten. Viele, viele Fotos werden geknipst.

31. Mai, 17.25 Uhr
Franzoesische Fans, in Kleidung aus der Kolonialzeit, haben sich traditionell koreanische Trommeln besorgt. Das Trommelkonzert beginnt, mit Unterbrechungen, da alle von den Franzosen ein Foto machen wollen.

Franzoesische Fans. Spaeter, nach dem letzten Frankreich-Spiel, sah man sie, etwas weniger auffaellig gekleidet, in den Souvenirlaeden, schnell einkaufen, denn mit einer so fruehen Abreise hatte keiner gerechnet.

31. Mai, 17.45 Uhr
Es ist ein schoener Rummel hier draussen, aber vielleicht sollten wir doch mal rein gehen. Laut Karte muessen wir bis 18.30 drinnen sein, und ich will nicht unbedingt testen, ob das stimmt oder nicht.

31. Mai, 17.55 Uhr
Wir finden die richtige Schlange - fuer Auslaender, Eingang W - und stellen uns an.

31. Mai, 18 Uhr
Ich halte Karte und Pass bereit, da ich ja so viel ueber die Sicherheitsvorkehrungen gehoert habe, dass kontrolliert wird, ob die auf der Karte vorgedruckten Namen auch mit dem Pass uebereinstimmen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass sie es schaffen, bei jedem Zuschauer so genau hin zu gucken, aber na ja, sicher ist sicher. Also halte ich den Pass bereit.
So sahen die Eingaenge aus. Und die Leute in Gelb sind keine Senegal-Fans, sondern diejenigen, die fuer das Wasserumfuellen zustaendig sind. Flaschen sind im Stadion nicht erlaubt, wir muessen statt dessen unser mitgebrachtes Wasser in Coca-Cola Papptassen umfuellen.

 

31. Mai, 18.01 Uhr
Phht, denkste. Gruendlich sind diese Sicherheitsvorkehrungen nicht gerade. Die grapschen ein bisschen in meinem Rucksack rum, finden aber nur eine meiner zwei Wasserflaschen, sind also nicht sehr gruendlich. Saeyun wird gefragt, "Sind sie Koreanerin?" Sie bejaht die Frage, und da meint der Polizist, "Gut, ich traue ihnen." Ihr Rucksack wird nicht mal geoeffnet. Wenn man bedenkt, dass Nordkorea knappe 30 Meilen entfernt ist, und dass Suedkorea der Polizei nicht gerade abgeneigt ist, ist es schon erstaunlich. Anscheinend reicht es, dass der Norden im Moment andere Sorgen hat und man wohl annimmt, dass sich niemand sonst die Muehe macht.

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3. Juni 2002

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